Jersey

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aus: Lessier, Art Deco Fashions – Coco Chanel, 1929

Auf dem (supernetten und inspirierenden) Bloggertreffen in Hamburg kamen wir auf Coco Chanel zu sprechen und darauf, dass sie als erste Jersey, bis dahin vor allem für Unterwäsche verwendet, als Stoff für Oberbekleidung eingesetzt hat. Berühmt sind die gestreiften Shirts mit U-Boot-Ausschnitt, die sie, so heißt es, von ihrem damaligen Geliebten ausborgte und salonfähig machte. Nun hatte Chanel einen ausgeprägten Hang zur Legendenbildung und nahm es mit der Wahrheit nicht immer ganz so genau (abgesehen davon, dass sie mit den Nazis kollaborierte – Ihr merkt, ich bin kein Fan). In jedem Fall kamen aber in den Zwanzigern Kleider und Kostüme aus Jersey auf und trugen dazu bei, Kleidung für Frauen alltagstauglich und bequem zu machen, passend zum neuen Bild der aktiven, sportlichen, selbständigen Frau.

Mema interessierte sich für Informationen oder Bilder dazu, und weil ich so eine kleine Quellensammlung auch eine gute Idee fand, habe ich beschlossen, einen Blogpost daraus zu machen.

Die Bilder, die ich hier zeige, entstammen den Büchern, die ich besitze oder gerade aus der Bibliothek ausgeliehen habe – natürlich gibt es auch im Netz viel dazu zu finden, aber das zusammenzutragen fehlt mir momentan leider die Zeit. Für Informationen und Bildmaterial zur Mode der Zwanziger verweise ich aber wie immer gerne auf den großartigen Blog von Witness2Fashion.

Wenn man daran interessiert ist, Kleidung aus dieser Zeit eingermaßen authentisch nachzunähen, ist es allerdings wichtig zu beachten, dass Jersey damals etwas anderes meinte als heute. Ich glaube, mit dem, was wir heute als einen feinen Strickstoff bezeichnen würden, kommt man der Optik und dem Fall am nächsten.

Und hier kommen die Bilder, beginnend 1923 (aus: Blum, Everyday Fashions of the Twenties as pictured in Sears and Other Catalogs) – ganz schön früh, finde ich:

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Ebenfalls 1923 – zwei Kleider aus “Rayon Jersey” von Van Ultra. Underwood and Underwood (aus: Fell, Fashion Sourcebook 1920s). Hier sieht man, dass in der Realität damals auch nicht alles Gold war …

 

1924 (aus: Blum, Everyday Fashions of the Twenties as pictured in Sears and Other Catalogs)

 

1925/26 (aus: Blum, Everyday Fashions of the Twenties as pictured in Sears and Other Catalogs)

 

Jetzt der Sprung in die zweite Hälfte des Jahrzehnts, in der die Rocklänge so dramatisch nach oben ging und der Look entstand, den wir heute erwarten, wenn es um Mode aus den Zwanzigern geht.
Ca. 1926-29 (leider undatiert, aus: Montgomery Ward, Fashions of the Twenties):

 

1926 (aus: Fiell, Fashion Sourcebook 1920s)

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1926, ein Tagesensemble von Chanel, Wolljersey und Seidensatin (aus: Lessier, Art Deco Fashions):

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Und, ca. 1928, ein Design von Sonia Delauny (aus: Lessier, Art Deco Fashions)

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Ich denke, trotz dieser Beispiele, dass Kleidung aus Webstoff in den Zwanzigern bei Weitem die aus Strick überwog. In den Dreißigern veränderte sich die Mode dann stark – Röcke wurden wieder länger und schmaler, die natürliche Taille wieder betont. Der Schwerpunkt lag jetzt eher auf Eleganz und Fraulichkeit; bequem, sportlich oder gar lässig sollte die Kleidung nicht mehr wirken. Und so habe ich in meinen Büchern über Mode aus den Dreißigern überhaupt keine Abbildungen oder Hinweise auf Oberbekleidung aus Jersey finden können – was natürlich nicht heißt, dass es das nicht gegeben hat, aber es spricht schon dafür, dass es nicht besonders typisch für die Mode der Zeit war.

Ich hab ja lange Kleidung im Stil der 30er getragen und genieße nun sehr die viel bequemeren Schnitte aus den Zwanzigern. Und natürlich sind Sachen aus Jersey eine verlockende Option. Es ist aber, wie gesagt, gar nicht einfach Stoff zu finden, der mir passend (und dabei bezahlbar) erscheint. Den Stein der Weisen gilt es hier also noch zu finden.

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3 thoughts on “Jersey

  1. Whow!! Danke für die Informationen. So viele spannende Dinge hast du zusammen getragen. Ich bin ganz baff. Die 20er Jahre haben modisch durchaus was zu bieten.

    Ganz begeistert bin ich von dem Tagesensemble von 1926 von Chanel. Inzwischen weiß ich, dass es das Set im Metropolitan Museum of Art gibt. Vielleicht finde ich auf deren Seite noch Detailfotos denn es ist die Herausforderung für meine Weihnachtsbekleidung. Das Top ist supervariabel und der Rock ist auch ganz toll und ich habe alle Stoffe dafür auf Lager. Na ja, ein Futter für den Rock fehlt.

    Ich danke dir sehr.
    Hatte ich dir nicht auch irgendeine Information versprochen? Ich hab vergessen was das war. Bitte frag mich noch mal.
    Schöner Gruß
    Mema

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  2. Liebe Lore, vielen Dank für diesen schönen Überblick, ich habe es sehr genossen. Ich war neulich im lokalen Geschäft meines Vertrauens und habe viele Wolljerseys gesehen, unter Anderem Merinowolljerseys. Sie schienen mir aber alle ziemlich “kratzig” – nichts, was man auf der Haut trägt. Sie waren aber günstiger als beim stoffversand4you – so um ca. 20 Euro pro Meter. Wie ist die Qualität dort?

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