Ein Schnitt, zwei Lieblingskleider

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Ich habe lange nichts gepostet, aber einiges genäht. Das meiste davon, Kleider und Blusen, basiert auf dem One hour dress, das in den Zwanzigern vom American Women’s Institute propagiert wurde – superschnell genäht (wenn’s auch eigentlich immer deutlich länger als eine Stunde dauert) und vielseitig abzuwandeln. Tatsächlich war der T-förmige Grundschnitt auch schon bevor er um 1923 diesen Namen bekam sehr verbreitet und blieb es auch noch ein paar Jahre, bis gegen Ende der Zwanziger die Silhouette sich zu ändern begann und die Schnitte dann vielfach komplizierter wurden.

Womit ich allerdings schon länger nicht so ganz glücklich war, ist, bei angesetztem Rockteil, die hintere Taillennaht, die ja in den Zwanzigern eher auf Hüfthöhe liegt. Kräuselungen direkt oberhalb des Pos sehen oft merkwürdig aus, ein glatter Übergang von Ober- zu Unterteil ist mir bisher aber auch nicht gut gelungen. Dazu kommt, dass es zwar absolut authentisch ist, alle Weite, Falten etc. in das vordere Rockteil zu legen, mir das aber, von der Seite gesehen, oft etwas unausgewogen erscheint. Ich wollte es darum mal mit einer damals ebenfalls recht populären Variante versuchen, die ohne Taillennaht auskommt und die Rockweite zu beiden Seiten unterbringt. Der Schnitt sieht dann ungefähr so aus:

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In Noer habe ich das ausprobiert, und es war einer der seltenen Fälle, in denen mir ein Nähprojekt einfach auf Anhieb gelingt – die Idee funktionierte sowohl in der Umsetzung als auch optisch, und der Stoff verhielt sich auch so, wie ich es von ihm erwartet hatte. Es ist ein gestreifter Seersucker, der schon im Laden eine Strandpromenade in Travemünde oder Boltenhagen vor meinem inneren Auge erstehen ließ – zu solide für die Riviera, aber gerade richtig für einen windigen Sommertag an der Ostsee.

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Zur Konstruktion ist nicht viel zu sagen, sie erklärt sich ja ziemlich von selbst. Dass die Falten an den Seiten so tief auf der Hüfte beginnen, fand ich anfangs etwas gewöhnungsbedürftig (wenn auch, mal wieder, absolut authentisch). Mittlerweile finde ich, gerade das macht viel vom Charme des Kleides aus und streckt es in der Länge, was ja durchaus gewollt ist. Ich fühle mich rundum wohl und hübsch angezogen in dem Kleid und habe es in diesem Sommer quasi durchgehend getragen.

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So weit, so glücklich. Dann gab es in diesem August plötzlich ein bisschen was zu feiern, und da mein Weihnachtskleid mir irgendwie nicht recht ans Herz wachsen will, musste ein neues festliches Kleid her. Ich hatte auch noch Stoff dafür: himbeerfarbene Viskose, mit der ich mich schon an zwei Kleidern versucht hatte. Das erste endete im Müll – ich wollte mal ein Kleid mit Gürtel und leicht blusigem Oberteil versuchen, war aber keine gute Idee. Ich habe einen Bauch, den ich ganz gut leiden kann. Mit dem Gürtel gerade auf dieser Höhe sah ich aber plötzlich überraschend dick und plump aus – was schade ist, denn damit fallen viele nette Designoptionen leider aus. Aber auf jeden Fall war es eine interessante Erfahrung, welchen Unterschied vorteil- oder unvorteilhafte Schnitte tatsächlich machen! Jedenfalls, weil der Stoff so rutschig und flutschig ist, wurde auch aus meinen Rettungsversuchen nichts. Im zweiten Anlauf nähte ich ein Sommerkleidchen, das allerdings auch kein Favorit werden wird – zuviel dran rumgemurkelt, und vor allem ist der Rücken zu lang. Und dann reichte der Stoff gerade noch für einen weiteren Versuch, und nachdem ich ja die Maße nur noch von dem wunderbaren Ostseebad-Kleid abnehmen musste, meinte ich, es könne gar nichts schiefgehen.

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Im Großen und Ganzen stimmte das auch, auch wenn ich wieder mal gestaunt habe, wie komplett anders alles mit einem anderen Stoff ist – plötzlich war das Kleid viel zu weit. Und die seitlichen Falten sprangen viel zu weit auf, was so tief auf der Hüfte schon sehr merkwürdig aussah, weswegen ich sie als mehrfache Kellerfalten quasi nach innen verlegt habe.

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Und dann brauchte soviel einfarbiger Stoff noch dringend ein bisschen was zum Hingucken, und hier konnte ich endlich ein Muster umsetzen, das ich schon lange mal benutzen wollte:

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Die Vorlage hierfür stammt von Butterick (1925), eigentlich für Perlenstickerei, die dankenswerterweise mal auf dem großartigen Blog Witness2Fashion gepostet wurde. Nun ist meine Garderobe insgesamt ja eher nicht so blumig, aber für dieses Kleid sind die Rosen gerade richtig, und besonders die kleinen an den Seiten mag ich sehr. Es war allein schon eine Freude, die Garne auszusuchen, es gibt so viele und so feine Schattierungen bei Stickgarn.

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Also auch mit diesem Kleid: restlos glücklich!

 

5 thoughts on “Ein Schnitt, zwei Lieblingskleider

  1. Dir stehen diese Kleider wundervoll! Stickereien mag ich auch. Ist das Kettstich und Stielstich bei Deinem Motiv? Sehr schön gemacht. Will ich unbedingt auch mal nutzen. Habe sogar schon ein Motiv und das Stickgarn bereitliegen. Nur das zu verzierende Kleid gibt es noch nicht. 😉 Liebe Grüße!

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