Mein blauer Mantel

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Ich habe einen Mantel genäht! Es war streckenweise sehr, wirklich sehr mühsam, aber jetzt ist er fertig, und wunderbar:

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Angefangen hab ich das Pojekt im vergangenen Juni, nach einem Schnitt aus Vobachs Familienhilfe (“praktische Familien- und Modenzeitschrift mit Unfall- und Sterbegeldversicherung” – wie immer man sich das vorzustellen hat) von 1929/30.

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Die Modelle im Heft sind jeweils in einzelnen Größen auf dem Schnittmusterbogen zu finden (wenn man gute Augen hat). Die im Netz kursierende Größentabelle sieht so aus:

Größe 0  >  88 / 70 / 94 cm; Größe I  >  90 / 72 / 100 cm; Größe II  >  96 / 76 / 106 cm; Größe III  >  102 / 80 / 112 cm; Größe IV  >  108 / 84 / 118 cm

Laut dieser Tabelle wäre der Mantelschnitt eine Größe zu groß für mich gewesen (sie kommt mir aber ingesamt etwas schräg vor). Da ich noch nie einen Mantel genäht hatte und keine Ahnung von der Passform, Bewegungszulagen etc. hatte, habe ich ziemlich lange herumgerätselt. Am Ende habe ich die Schnittteile komplett auf 95% kleiner kopiert (nein, nicht gradiert; ja ich weiß, das geht gar nicht), und an einem Probeteil rumgebastelt, bis es passte. Abgesehen von der Größenfrage entsprach der Schnitt nämlich auch nur sehr grob der Abbildung (z.B. bei der Kragenform), und die Ärmel waren viel zu eng, so dass ich welche von einem anderen Schnitt genommen habe.

Es gibt keine Anleitung zu den Modellen, ich habe mich darum auf diese hier gestützt, aber letztlich doch vieles nach Gefühl gemacht, zum Beispiel bei der Gestaltung der Bögen, die ich, anders als erst geplant, nicht aufgesetzt, sondern gestickt habe.

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Ziemlich lange habe ich darüber gegrübelt, ob ich aus Gründen der Authentizität auf Bügeleinlage verzichten soll (dass ich nicht pikieren würde, war mir ziemlich schnell klar). Ich hab mich dann doch für Einlage entschieden, was natürlich goldrichtig war. Nur im Kragen dachte ich, darauf verzichten zu können – nicht wirklich schlimm, aber mit wäre es sicher noch ein bisschen schöner geworden. Am Ende habe ich sogar die kompletten Vorder- und Rückenteile mit ganz weicher Einlage bebügelt, weil ich Sorge hatte, dass der Wollstoff sich dehnen und über den gestickten Bögen ausleiern würde (Danke an Ruth für diese gute Idee).

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Naja, nach ein paar Monaten quälte sich das Projekt nur noch so voran, irgendwann habe ich das Futter zugeschnitten und genäht und direkt wieder weggeschmissen, weil alles hinten und vorne nicht passte, ich war abends sowieso immer viel zu müde und überhaupt … Schließlich,  im März, habe ich alles sauber zusammengepackt und beiseite gelegt und beschlossen: Ich nehme das im Mai mit nach Noer zu Sewing by the Sea, und dann wird alles gut – und genauso war es auch.

Endlich genug Zeit zum Nähen und wieder Auftrennen und nochmal probieren und lauter nette Frauen, die einem mit Mitgefühl und Rat und Tat zur Seit stehen, das war genau das, was ich brauchte, um das Ganze zu Ende zu bringen. Weil das allerdings den Großteil des Wochenendes in Anspruch genommen hat (und ich natürlich noch alles mögliche andere hatte nähen wollen), war ich ein bisschen unenstpannt, und das werde ich sicher beim nächsten Mal anders angehen. Ich war keinmal am Meer und habe wirklich von sieben bis 23 Uhr mehr oder weniger durchgehend genäht. Aber auch so viel gelernt und gelacht wie lange nicht! Es war herrlich, wieder einmal!

Ja, und so sieht er jetzt aus:

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Die Schietwetter-Variante:

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Ein Problem wollte sich leider nicht lösen lassen: Der Stoff ist so schwer, dass er von dem seitlichen Knopf aus nach unten und innen zieht und dann eine unschöne Falte macht, aber nicht fest genug, dass ein unsichtbarer Gegenknopf auf der gegenüberlegenden Seite ihn halten würde – da verzieht es sich dann auch, wie man sieht. Es wurde etwas besser, als ich statt der ursprünglichen Schlaufe doch noch ein Knopfloch gemacht habe (von außen gut gelungen, von innen naja). Aber ansonsten tröste ich mich damit, dass selbst auf Modezeichnungen aus der Zeit diese Falte oft zu sehen ist, also gehört sie wohl dazu.

Da bin ich immer noch ein bisschen am Rumzuppeln, aber sonst trägt sich der Mantel ausgezeichnet, ich fühle mich gemütlich vor widriger Witterung beschützt und richtig gut angezogen  – auch wenn ich kurz schlucken musste, bevor ich das erste Mal mein Kind mit Matschhose und dreckigen Gummistiefeln auf den Arm nahm.

Nun plane ich einen ganz leichten hellen Sommermantel nach diesem – etwas abgewandelten – Schnitt, der dann wiederum als Probestück für den Wintermantel dienen kann, der in diesem Jahr absolut fällig ist. Aber jetzt nähe ich erstmal ein paar freundliche schnelle Kleidchen!

Verlinkt mit Sewing by the Sea. Und mit dem MeMadeMittwoch.

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12 thoughts on “Mein blauer Mantel

  1. Das lange arbeiten am Mantel zahlt sich aus den er sieht wunderbar aus. Muss ich mir gleich wieder eine Episode von miss fishers mysteriösen Mordfällen anschauen und bedauern das ich für diese Zeit die falsche Figur habe.
    Lg Silvia

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  2. Ich freue mich echt, dass ich zu diesem supertollen Mantel einen ganz ganz superkleinen Beitrag leisten konnte. Er passt ganz wunderbar zu Dir. Hast Du auch den passenden Hut dazu?
    Herzliche Grüße!

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    1. Klar hab ich dafür auch einen Hut – einen richtig schönen sogar, allerdings nicht sehr alltagstauglich, schon gar nicht für’s Fahrrad. Wie ich schon schrieb: Ich weiß nicht, ob der Mantel ohne Eure Unterstützung in Noer überhaupt fertig geworden wäre. Also Danke nochmals an alle Sachverständigen und Mitfühlenden und überhaupt Wochenendverschönerinnen!

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  3. Der Mantel ist ja schön! Die Bogenverzierung finde ich richtig schön und auch die Farben und die Kombination aus Fischgrät und Samtkragen – ich bin ganz gespannt auf die Sommervariante.

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  4. Der Mantel ist absolut herzzerreißend. Ich für meinen Teil finde die Schietwetter-Variante schöner, vielleicht, weil der Mantel dann was 60seskes bekommt. Das ist dann ja mehr meine Epoche. 😉 Die schrafen Zungen an unserem Tisch haben dem Mantel also nicht geschadet. 😉

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    1. Naja, da ich in Hamburg wohne, ist die zugeknöpfte Variante auch die, die vornehmlich zum Einsatz kommen wird. Und die scharfen Zungen am Tisch haben natürlich kein bisschen geschadet – ich hatte soviel Spaß wie lange nicht mehr!

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